Rx-Beratung: Wissenswertes zu Schilddrüsen-Medikamenten

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Foto: iStock/Iryna Zastrozhnova

Wie ein Schmetterling mit zwei Flügeln produziert die Schilddrüse Hormone, die den Stoffwechsel steuern. In der Apotheke gehören Schilddrüsentherapeutika zu den führenden Indikationsgruppen. Das solltest du wissen.

Die Schilddrüse (Glandula thyroidea) ist ein Organ, das sich zu beiden Seiten der Vorderwand der Luftröhre ein wenig unterhalb des Kehlkopfes befindet. Sie steuert verschiedene Stoffwechselvorgänge und nimmt unter anderem Einfluss auf das normale Wachstum. Sie bildet aus der Aminosäure Tyrosin und Iod – das als Iodid aus der Nahrung zugeführt –, die zwei wichtigsten Schilddrüsen-Hormone Triiodthyronin (T3) und Tetraiodtyronin (T4), die sie in ihren Follikeln speichert.

Die beiden Substanzen beeinflussen den Energiestoffwechsel verschiedener Organe und die normale Funktion des Zentralnervensystems. Die hormonproduzierenden und follikelbildenden Zellen der Schilddrüse heißen Thyreozyten. Die Synthese und die Angabe der Hormone werden durch die Hormone TRH (Thyreoliberin bzw. Thyreotropin freisetzendes Hormon) und TSH (Thyrotropin) gesteuert.

Schilddrüse: Symptome einer Hyper- und Hypothyreose

Eine Überfunktion der Schilddrüse (Hyperthyreose) bewirkt eine innere Unruhe und Nervosität bis hin zur Hyperaktivität, Hypertonie, Vorhofflimmern, Schlafstörungen, Wärmeintoleranz, verstärktes Schwitzen, Gewichtsverlust trotz großem Appetit, Durchfälle, Menstruationsstörungen und Alopezie. Wenn Morbus Basedow die Ursache für die Erkrankung ist, treten zudem die Augäpfel ein Stück hervor.

Menschen, die unter einer Unterfunktion (Hypothyreose) leiden, kämpfen mit Symptomen wie ständiger Müdigkeit, verlangsamtem Herzschlag und Gewichtszunahme trotz Appetitlosigkeit. Sie frieren schnell, haben eine sehr trockene Haut und leiden häufiger unter Verstopfung sowie Fettstoffwechselstörungen.

Medikamente gegen die Hyperthyreose

Arzneimittel, die hemmend auf die Bildung und/oder die Sekretion von Schilddrüsen-Hormonen wirken, werden Thyreostatika genannt. Sie lassen sich in zwei Gruppen unterteilen.

  1. Die Perchlorate, die hemmend auf die Iodidaufnahme in den Thyreozyten einwirken – sogenannte Iodinationshemmer. Ein Medikament, das den Wirkstoff Natriumperchlorat enthält, ist beispielsweise Irenat (Alliance Pharma).
  2. Die Thioharnstoff-Derivate (Thionamide), die die Synthese von Schilddrüsen-Hormonen hemmen, indem sie die Oxidation von Iodid zu Iod unterbinden. Das sind die sogenannten Iodisationshemmer Thiamazol (z. B. Favistan von Temmler Pharma), Carbimazol und Propylthiouracil (z. B. Propycil von Admeda Arzneimittel).

Manchmal behandelt ein Arzt bzw. eine Ärztin eine Hyperthyreose nicht mit Thyreostatika, sondern verordnet Beruhigungsmittel oder Betablocker gegen Symptome wie nervöse Unruhe oder Tachykardie.

Die Nebenwirkungen der Thyreostatika sind in erster Linie Granulozytopenie – oder Neutropenie (eine pathologische Verminderung der neutrophilen Granulozyten im Blut) – und Agranulozytose (das vollständige Fehlen von Granulozyten im Blut). Kombinationen von Fieber mit Schüttelfrost und einer aphtösen Mundschleimhautentzündung sind typische Symptome. Die Nebenwirkungen werden mittels eines ärztlich durchgeführten Bluttests diagnostiziert.

Medikamente gegen die Hypothyreose

Häufiger als die Hyperthyreose ist die Hypothyreose: Sie kann entweder bereits in Säuglingsalter auftreten, wenn die Mutter während der Schwangerschaft unter einem starken Iodmangel litt und bestimmte Medikamente eingenommen hat oder wenn eine genetisch bedingte Störung vorliegt. In bevölkerten Gebieten mit einem starken Iodmangel und einer oftmals auftretenden Struma („Kropf“) wird dieses Spurenelement dem Speisesalz zugesetzt. Etwa eines von 5.000 Neugeborenen leidet unter dieser Erkrankung. Die sogenannte erworbene Hypothyreose tritt allerdings öfter auf. Oft resultiert sie aus einer verminderten Produktion von TRH und TSH, manchmal liegt eine Störung der Schilddrüse durch Iodmangel oder eine Hashimoto-Thyreoiditis (chronische Schilddrüsen-Entzündung) vor.

Die akute, subakute und fibrosierende Schilddrüsen-Entzündung kann in der Folge eine Unterfunktion sowie eine Entfernung des Organs begünstigen – beispielsweise nach einer Tumorerkrankung. Da T3 und T4 lebensnotwendige Hormone sind, müssen sie durch künstliche Pendants ersetzt werden. Zu den T4-Präparaten gehören beispielsweise L-Thyroxin von Sanofi-Aventis, L-Thyrox von Hexal und Euthyrox von Merck Serono. Eine Kombination aus T3 und T4 ist Novothyral von Merck Serono. Auch mit Iod (Kaliumiodid) werden T4-Hormone kombiniert – zum Beispiel in Jodthyrox von Merck Serono und Thyronajod von Sanofi-Aventis.

Wichtiges für die Beratung

Grundsätzlich gibt es zwei mögliche Zeitpunkte, zu denen die Schilddrüsen-Hormone eingenommen werden können: früh morgens – etwa eine halbe Stunde vor dem Frühstück – oder spät abends vor dem Schlafengehen. Bei der späten Einnahme ist zu beachten, dass der Magen leer sein muss. Der Grund für die erforderliche nüchterne Einnahme ist, dass zahlreiche Mineralstoffe, Nahrungsbestandteile und Medikamente die Aufnahme der Hormone stören können. Dazu zählen beispielsweise Calcium, Eisen, Sojaprodukte, Kaffee, Sportgetränke und alle Medikamente, die den pH-Wert des Magens anheben – beispielsweise Antacida.

Abführmittel – auch natürliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen – sorgen für eine beschleunigte Darmpassage. Thyroxine benötigen einige Zeit, um komplett aufgenommen zu werden. Daher muss der zeitliche Einnahmeabstand zu Laxantien mindestens zwei Stunden betragen.

Ein Selenmangel kann eine Schilddrüsen-Unterfunktion verschlimmern, darauf solltest du deine Kundschaft hinweisen. Der Arzt bzw. die Ärztin kann einen Mangel über einen Bluttest herausfinden. Ohne genaue Diagnose sollte kein Selen zugeführt werden, denn eine Überdosierung kann das Risiko geringfügig erhöhen, an Diabetes-Typ-2 zu erkranken. Zudem ist eine ausreichende Versorgung mit Vitamin D, Zink, Omega-3-Fettsäuren, Eisen, Vitamin C, Magnesium, Vitamin E und dem Vitamin-B-Komplex wichtig. Auch in diesem Fall kann ein ärztlicher ein Bluttest einen Mangel aufzeigen.

Bei einer Hashimoto-Erkrankung ist die Einnahme von zu viel Iod eher schädlich. Bei dieser Erkrankung bekämpft das Abwehrsystem des Körpers bestimmte Schilddrüsen-Eiweiße und zerstört damit die Schilddrüsen-Zellen. Ein zu viel an Iod kann diesen Prozess weiter begünstigen. Seefisch, Milch- und Milchprodukte oder iodiertes Speisesalz sind inzwischen unbedenklich, wenn sie nicht im Übermaß genossen werden. Auf Algenprodukte oder Iodtabletten sollten die betroffenen Personen aber verzichten.

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