Rx-Beratung: Das solltest du zu oralen Antidiabetika wissen

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Foto: iStock/adrian825

Bei einem gestörten Insulinstoffwechsel des Typ-2-Diabetes kommen verschiedene injizierbare und orale Antidiabetika zum Einsatz. Wie gut kennst du dich mit den einzelnen Wirkstoffgruppen aus? Hier kommt eine Zusammenfassung.

Nach Zahlen der Deutschen Diabetes-Hilfe sind hierzulande circa acht Millionen Menschen von Diabetes mellitus betroffen. Expert:innen gehen davon aus, dass diese Zahl im Jahr 2040 auf zwölf Millionen steigen wird. Außerdem liegt bei 95 Prozent der Betroffenen ein Typ-2-Diabetes vor, von denen circa 40 bis 50 Prozent blutzuckersenkende Tabletten erhalten und mehr als 1,5 Millionen mit Insulin therapiert werden – sei es als kombinierte Therapie mit Tabletten, konventionelle Zweispritzentherapie oder intensivierte Insulintherapie ähnlich wie Menschen mit Typ-1-Diabetes.

Orale Antidiabetika: Unterschiede zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes

Der Typ-1-Diabetes wird durch einen absoluten Mangel des Hormons Insulin verursacht. Hintergrund ist ein absolutes Versagen der Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das Hormon Insulin produzieren. Diese Form der Krankheit ist nicht heilbar; Betroffene müssen ein Leben lang Insulin spritzen. Der Typ-2-Diabetes hingegen entsteht durch eine verminderte Empfindlichkeit der Körperzellen für Insulin – auch Insulinresistenz genannt. Die Krankheit beginnt meist schleichend und neben einer erblichen Veranlagung gelten Übergewicht und Bewegungsmangel als die wichtigsten Verursacher. Vor einer Arzneimitteltherapie wird daher zunächst versucht, die Krankheit durch Lebensstiländerungen in den Griff zu bekommen.

Falls diese Anpassungen nicht erfolgreich wirken, werden im nächsten Schritt verschiedene Medikamente in Form von Tabletten eingesetzt. Zu den Wirkstoffgruppen, die bei Insulinresistenz verwendet werden, zählen:

  • Alpha-Glucosidasehemmer
  • Sulfonylharnstoffe
  • Glinide
  • Biguanide
  • Inkretinmimetika
  • Gliptine
  • SLGT-2-Inhibitoren

 

Alpha-Glucosidasehemmer

Alpha-Glucosidasehemmer wie Acarbose (Glucobay, Bayer Vital) bewirken im Körper eine Hemmung der intestinalen alpha-Glucosidasen. Bei der Nahrungsverwertung sind diese Enzyme für den Abbau von Zwei- und Mehrfachzuckern – also Kohlenhydraten – mitverantwortlich. Diese Hemmung führt zu einer verminderten Resorption, was den Blutzucker nach einer Mahlzeit langsam und weniger stark ansteigen lässt. Da die Wirkung dieser Antidiabetika nicht besonders stark ist, werden sie nur im Frühstadium eingesetzt oder mit Sulfonylharnstoffen kombiniert.

Sulfonylharnstoffe und Glinide

Zu den Sulfonylharnstoffen gehören unter anderem die Wirkstoffe Glibenclamid (z. B. Euglucon N von Sanovi Aventis, Maninil von Berlin-Chemie) und Glimepirid (Amaryl von Sanofi-Aventis Deutschland). Sie unterscheiden sich bezüglich der Wirkstärke und des Wirkeintritts, haben aber auf die B-Zellen der Pankreas einen ähnlichen Effekt. Die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Sulfonylharnstoffe ist daher eine ausreichende Anzahl an B-Zellen. Falls sie bereits verschwunden sind, können sie nicht wirken, denn Sulfonylharnstoffe schränken die Durchgängigkeit der Kaliumkanäle in diesen Zellen ein. Daher gehören die Sulfonylharnstoffe zur Gruppe der Kaliumkanalblocker. Sie binden an die Kaliumkanäle, an die normalerweise Adenosintriphosphat (ATP) bindet und blockieren sie. Die Zellmembran depolarisiert daraufhin und aktiviert die Calciumkanäle, was wiederum eine Insulinausschüttung zur Folge hat. Glinide – beispielsweise Repaglinid – können wie die Sulfonylharnstoffe die Insulinsekretion in der Bauchspeicheldrüse steigern, indem sie die Kaliumkanäle blockieren, allerdings an einer anderen Stelle.

Biguanide

Metformin ist ein Biguanid-Derivat, das die Glucoseaufnahme in die Zellen verbessert und damit den Blutzuckerspiegel senkt. Da Metformin eine zusätzliche appetithemmende Wirkung zeigt und die Glukoseabgabe sowie die Glukoseproduktion in der Leber vermindert, wird es gerne für übergewichtige Diabetiker:innen verordnet.

Inkretinmimetika und Gliptine

Wir wirken Inkretine? Sie sind Hormone die im Dünndarm vorkommen und nach der Nahrungsaufnahme freigesetzt werden und in der Folge zu einer vermehrten Insulinsekretion führen. Inkretinmimetika wie Exenatid (z. B. Byetta von Lilly Pharma) oder Liraglutid (Victoza von Novo Nordisk Pharma) werden zwei- beziehungsweise einmal täglich injiziert und haben eine glucoseabhängige Wirkung. Das bedeutet, dass sie nur wirksam sind, wenn tatsächlich Kohlenhydrate mit der Nahrung aufgenommen werden, was die Gefahr einer Hypoglykämie deutlich verringert. Sie werden meist mit Sulfonylharnstoffen oder Metformin zur Therapie kombiniert.

Auch Gliptine wie Saxagliptin (Onglyza von Astrazeneca) oder Sigagliptin (Januvia von MSD Sharp & Dohme und Xelevia von Berlin-Chemie) wirken schlussendlich ähnlich wie die Inkretinmimetika, sind aber sogenannte DPP-4-Inhibitoren. Sie imitieren zwar nicht die Inkretine, hemmen jedoch deren Abbau durch das Enzym DPP-4.

Relativ neu: SGLT-2-Inhibitoren

Die neuesten oralen Antidiabetika sind Medikamente, die die Glucoseausscheidung fördern, indem sie deren Rückresorption in den Nieren hemmen. Zu diesen sogenannten SGLT-2-Inhibitoren („Sodium dependent glucose transporter-inhibitor“) gehören unter anderem die Wirkstoffe Dapagliflozin (Forxiga von Astrazeneca, Xigduo (Kombination aus Dapagliflozin und Metformin) von Astrazeneca) und Empagliflozin (Jardiance von Boehringer Ingelheim Pharma). Zu ihren Vorteilen gehört eine moderate Gewichtsreduktion durch die Glucosurie, eine Senkung des Blutdrucks und ihre nephro- und kardioprotektive Wirkung.

Nebenwirkungen von oralen Antidiabetika

Die Nebenwirkungen der oralen Antidiabetika hängen stark mit ihrer Hauptwirkung zusammen. Ein erhöhter Glucosewert im Urin ist der ideale Nährboden für eine Harnwegsinfektion. Daher gehören rezidivierende Harnwegsinfektionen zu den Erkrankungen, bei denen die Einnahme der SGLT-2-Inhibitoren kontraindiziert sind. Patient:innen, die sie einnehmen, leiden auch häufiger unter Polyurie und vermehrtem Durstgefühl. Wer bereits vorgeschädigte Nieren hat, darf sie nicht anwenden.

Die Einnahme von Alpha-Glucosidasehemmern führt häufig zu Nebenwirkungen wie Blähungen oder Durchfällen, Übelkeit und Bauchschmerzen. Diese Beschwerden können über eine zuckerarme Diät normalerweise gut in den Griff bekommen werden. Gefährlicher ist eine Hypoglykämie – Unterzuckerung –, die ebenfalls zu den Nebenwirkungen der Acarbose wie auch allen anderen oralen Antidiabetika gehört. Du kannst den Personen, die diese Wirkstoffe einnehmen müssen, raten, immer etwas Traubenzucker mit sich zu führen. Diesen können sie notfalls im Mund zergehen lassen, wenn sie entsprechende Anzeichen bemerken.

Diabetiker:innen, die Glinide einnehmen, sind weniger stark gefährdet, da sie nur eine kurze Wirkdauer haben. Sie werden daher etwa eine halbe Stunde vor dem Essen eingenommen, damit die Insulinsekretion während der Verdauungsphase einsetzt, was das Risiko einer Hypoglykämie deutlich herabsetzt.

Sulfonylharnstoffe binden dort, wo normalerweise ATP andockt. Sodass der Körper vermehrt Fette oder Glykogen in verschiedenen Geweben aufbaut. Dadurch kommt es meist zu einer moderaten Gewichtszunahme, daher werden die zur Gruppe gehörenden Wirkstoffe in der Regel bei normalgewichtigen Patienten eingesetzt. Ein wichtiger Faktor für die Beratung ist, dass es durch die Einnahme von Sulfonylharnstoffe zu einer Alkoholunverträglichkeit kommt. Beim Konsum von Alkohol wird Ethanol zunächst zu Acetaldehyd umgebaut, das die Leber schädigt. Das Enzym Aldehyddehydrogenase oxidiert es anschließend in ein ungefährlicheres Acetat. Dieses Enzym wird durch Sulfonylharnstoffe jedoch gehemmt, was einen Alkoholkonsum trotz der Einnahme dieses Wirkstoffes für die Leber immens gefährlich machen kann.

Eine gefürchtete Nebenwirkung von Metformin ist die Laktatazidose. Der Wirkstoff blockiert den Elektronentransport in der Atmungskette, wodurch der anaerobe Stoffwechsel ansteigt. Bei Sauerstoffmangel wird das Pyruvat aus der Glykolyse zu Laktat abgebaut. Die Leber und das Herz können das zwar in einem gewissen Rahmen kompensieren, aber nur so lange die Organe gesund sind und nicht zusätzliches Laktat in den Organismus gelangt. Das passiert jedoch bei verschiedenen anderen Grunderkrankungen, bei denen die Perfusion – also der Durchfluss von Flüssigkeiten durch die Organe – eingeschränkt ist.

Dadurch fällt der pH-Wert des Blutes ab, was zu Übelkeit und Bauchschmerzen, Hyperventilation, Kreislaufproblemen, Verwirrtheit, Müdigkeit und einer Trübung des Bewusstseins bis hin zum Koma und Tod führen kann. Patient:innen mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, einer chronisch obstruktiven Atemwegserkrankung (COPD) oder einer Leber-, Nieren oder Herzinsuffizienz dürfen aus diesem Grund kein Metformin einnehmen. Wer unter Nierenfunktionsstörungen leidet, muss auch auf Inkretinmimetika verzichten.

Beratungstipps

Du solltest deiner Kundschaft, die Metformin einnimmt, auf Symptome wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, depressive Episoden, Schwindel, Schlaf- und Konzentrationsstörungen und Missempfindungen speziell in den Extremitäten befragen. Diese Anzeichen könnte auf einen Vitamin-B12-Mangel hindeuten, der bei Diabetiker:innen, die Metformin einnehmen, dreimal häufiger als beim Rest der Bevölkerung auftritt. Dadurch sinkt ebenfalls der Folsäurespiegel. Die Einnahme von Metformin beeinflusst den Calciumspiegel im Darm negativ. Die Resorption von Vitamin B12 im Darm über den Intrinsicfaktor ist ein calciumabhängiger Prozess. Daher sollte beides über die Nahrung ergänzt werden.

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