Haarausfall: Ursachen, Arten und Behandlung

bg-image

Anzeige

Täglich verliert der Mensch zahlreiche Kopfhaare, ohne dass dies zu einer sichtbaren Lichtung der Frisur führen würde. Viele Menschen neigen – häufig im Frühling und Herbst – zu einem periodisch verstärkten Haarausfall.

Androgene hemmen das Haarwachstum, Estrogene hingegen steigern es. Dies erklärt, warum nach dem Ende der Schwangerschaft und im Klimakterium der Frau oft ein vermehrter Haarausfall zu beobachten ist; denn in diesen Phasen verändert sich das Gleichgewicht der Sexualhormone.

Ab wann ist Haarausfall nicht mehr normal?

Erst ab einem täglichen Verlust von mehr als 80 bis 100 Haaren am zweiten und dritten Tag nach der Haarwäsche liegt ein krankhafter Haarausfall (Alopezie) vor. Meist lässt sich die Ursache nur medizinisch abklären.

Ein Haarausfall kann diffus sein und die gesamte Kopfhaut betreffen oder nur begrenzt, meist kreisförmig, auftreten.

In 95 % der Fälle handelt es sich um eine sogenannte androgenetische Alopezie. Sie führt bei Männern und Frauen zu unterschiedlichen Mustern des Haarausfalls (Abbildung 8.4). Anders als bei Männern kommt es bei Frauen nicht zu den typischen Geheimratsecken und zur Tonsurglatze, sondern zu einer Ausdünnung im Scheitelbereich. Zudem nehmen Haarvolumen und Haarqualität ab. Die Haarlichtung wird zwar über die Jahre stärker, führt bei Frauen aber nicht zur Kahlheit. Insgesamt sind bis zu 70 % aller Männer und 40 % aller Frauen von androgenetischer Alopezie betroffen.

Die androgenetische Alopezie beruht auf einer – genetisch determinierten – erhöhten Sensibilität der Haarfollikel auf Androgene. Wegen des verstärkten Androgen-Einflusses stellen die Haarfollikel ihre Aktivität langsam ein und die Haare erreichen früher ihre Ruhephase. Es kommt zu einer Verkleinerung der Haarfollikel, die nur noch feine und dünne Haare bis hin zu Flaumhaaren erzeugen.

Die verschiedenen Arten von Haarausfall

Bei kreisrundem Haarausfall, der sogenannten Alopecia areata, bilden sich runde oder ovale, scharf begrenzte kahle Stellen. Man geht heute davon aus, dass eine zellulär vermittelte Autoimmunerkrankung die Ursache ist. Bei etwa einem Drittel der Betroffenen kommt es innerhalb von sechs Monaten zu einer Spontanremission; nach einem Jahr ist sogar jeder zweite Patient erscheinungsfrei. Allerdings muss in den folgenden Jahren immer wieder mit Rezidiven gerechnet werden. Zur Therapie wird häufig Zink wegen seiner immunmodulatorischen Wirkung gegeben. Auch die topische Gabe von Corticosteroiden oder eine topische Immuntherapie hat sich bei der Alopecia areata bewährt. Das »plötzliche Ergrauen« von Haararealen ist eine Sonderform der Alopecia areata: Durch den Krankheitsprozess ergrauen die Haare, fallen jedoch nicht aus.

Diffuse Alopezien sind relativ gleichmäßig über den Kopf verteilte Haarlichtungen, die weder der androgenetischen Alopezie noch der Alopecia areata zugerechnet werden können. Mögliche Ursachen können neben der Einnahme von Medikamenten, wie Thyreostatika oder Chemotherapeutika, Schilddrüsenstörungen oder Eisen- bzw. Zinkmangel sein. Die Therapie der diffusen Alopezie besteht darin, die zugrunde liegende Ursache zu beseitigen. Zink- bzw. Eisenpräparate müssen über mindestens drei Monate eingenommen werden, um einen Mangel beheben zu können.

Eine Chemotherapie sowie andere stark toxische Einflüsse können die Haarfollikel so stark schädigen, dass die Haare innerhalb von ein bis drei Wochen abbrechen. Wenn sich die Haarfollikel wieder regeneriert haben, ist das Haar durch die vollständige Wachstumssynchronisierung oft dichter als vorher. Mitunter verändert sich dann auch die Haarstruktur: Lockiges Haar wächst glatt nach oder umgekehrt.

Alopezie und Haarausfall behandeln: Wirkstoffe und Produkte

Standard in der Behandlung androgenetischer Alopezie ist die lokale Behandlung mit Minoxidil. Die Substanz kann den Haarausfall wirkungsvoll stoppen kann, wenn es konsequent zweimal täglich über mindestens drei bis vier Monate auf die betroffenen Stellen aufgetragen wird. Bei vielen Anwendern kommt es auch nach einigen Monaten zu einer sichtbaren Zunahme der Haardichte. Männer bringen zweimal täglich eine 5%ige Lösung oder 5%igen Schaum auf die Kopfhaut auf, für Frauen wird eine 2%ige Lösung zur zweimal täglichen Anwendung und ein 5%iger Schaum zur einmal täglichen Anwendung angeboten. Der Schaum soll im Vergleich zur Lösung etwas besser verträglich sein, da er kein Propylenglykol enthält. Follikelgröße und der Haarschaftdurchmesser nehmen unter der Behandlung zu und die Wachstums­phase wird verlängert.

Zu Anfang der Behandlung kann es zu einem verstärkten Haarausfall kommen (Shedding), da die durch Minoxidil aktivierten Anagen-Haare die locker sitzenden Telogen-Haare aus den Follikeln herausschieben. Shedding ist somit ein Hinweis auf die Wirksamkeit. Es ist wichtig, die Anwender darauf hinzuweisen, ansonsten wird die Therapie möglicherweise aufgrund des verstärkten Haarausfalls abgebrochen. Die Patienten sollten auch wissen, dass ein sichtbar positives Ergebnis erst nach etwa zehn bis zwölf Wochen möglich ist. In großen Studien konnte der Haarverlust bei 80–90 % der Behandelten gestoppt werden; bei etwa 50 % verdichtete sich das Haarkleid. Es ist beim Auftragen sorgsam darauf zu achten, dass die Minoxidil-Zubereitung nicht ins Gesicht gelangt.

Finasterid (z. B. Propecia®, Rp!) ist für die systemische Behandlung der androgenetischen Alopezie beim Mann zugelassen. Es muss frühzeitig bereits bei den ersten Zeichen eines Haarausfalls eingesetzt werden. Die Wirksamkeit kommt der des Minoxidils nahe. Finasterid ist aufgrund seiner antiandrogenen Eigenschaften für Frauen nicht geeignet. Das chemisch verwandte Dutasterid (z. B. Avodart®, Rp!) hemmt ebenfalls die 5α-Reduktase. Das zur Behandlung der gutartigen Prostatahyperplasie zugelassene Medikament wird gelegentlich off-label bei Männern eingesetzt. Dagegen können topische Zubereitungen mit Alfatradiol (17b-Estradiol), einem weiteren Testosteron-5α-Reduktasehemmer, auch von Frauen angewendet werden. Bei Frauen werden zudem Estrogene oder Antiandrogene gegeben. Des Weiteren stehen Estrogenlösungen zur topischen Anwendung zur Verfügung, für deren Wirksamkeit es bislang allerdings noch keine ausreichenden Belege gibt.

Weitere Wirkstoffe

Die nachfolgend beschriebenen Wirkstoffe sind in freiverkäuflichen Produkten zur Behandlung von Haarausfall enthalten. Ihre Wirksamkeit ist allenfalls gering.

Durchblutungsfördernde Substanzen: Das Haarfollikel ist offenbar umso dicker, je mehr Blutgefäße das Haar umgeben. Aus dieser Beobachtung resultiert der Einsatz durchblutungsfördernder Substanzen in Haarwässern. Die Wirksamkeit ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Verwendung finden beispielsweise Klettenwurzelextrakt, Capsicumtinktur, Kampfer und Nikotinsäureester. Coffein soll das Haarwachstum direkt anregen.

Aminexil (Diaminopyrimidinoxid) wirkt der Verhärtung von Kollagen entgegen. Die Anwendung soll die Elastizität des Gewebes rund um die Haarwurzel bewahren und die Verankerung des Haares in der Kopfhaut festigen. Thymusextrakt soll das Immunsystem in der Kopfhaut stimulieren und die Haarwurzel mit Wachstumsfaktoren versorgen. BaicapilTM, ein Gemisch aus Baikal-Helmkraut-Wurzelextrakt sowie Soja- und Weizenkeimextrakten, konnte in In-vitro-Studien den Sauerstoffverbrauch humaner Fibro­blasten sowie isolierter Mitochondrien steigern. Da Fibroblasten als Bestandteil des Haarfollikels eine wichtige Rolle in der Regulation des Haarwachstums spielen, interpretiert der Hersteller die In-vitro-Effekte als Hinweis für eine Unterstützung des Haarwachstums.

Für Thiocyanat wurde in einer 36-wöchigen nicht-interventionellen Beobachtungsstudie bei täglicher Applikation eines entsprechenden Haarserums eine Reduktion des Haarausfalls und eine Zunahme der Haardichte festgestellt. Die Substanz soll bei Männern und Frauen auf unspezifische Weise in den Haarwurzeln zellaktivierend wirken.

Nährstoffe: In vielen Präparaten und Haarwässern sind Vitamine der B-Gruppe, wie Pantothensäure, Biotin oder Thiamin, oder Aminosäuren wie ­L-Cystin enthalten, die für den Stoffwechsel der Haarwurzel wichtig sind. Ein Mangel an diesen Substanzen kann zu Haarausfall führen. Essenzielle Fettsäuren wie Linolsäure dienen als Baustein für die Synthese wichtiger strukturgebender Elemente, wie z. B. Ceramiden. Ob die äußerliche oder innerliche Anwendung dieser Substanzen Haarausfall bremsen oder stoppen kann, ist ungeklärt.

Weitere nützliche Informationen findest du im medizinisch-pharmazeutischen Leitfaden "Beratung aktiv Selbstmedikation".

Kommentare zum Artikel (113)

Nur verifizierte Nutzer können die Kommentare sehen.

Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Hackerangriff beim Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker (ZL), Neuigkeiten zu Pfusch-Apotheker Peter Stadtmann – auch diese Woche informiert dich unser Wochenrückblick zu den neuesten Nachrichten im Bereich Apotheke.

Das Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz hat den Bundesrat passiert, die Bundesapothekerkammer einen neuen Präsidenten. Diese und weitere Meldungen findest du in unserem allwöchentlichen Wochenrückblick. Viel Spaß bei der Lektüre!

Zum Anfang des Monats bereichern zwei neue Bioidenticals des Referenzarzneimittels Neulasta (Amgen) die Anlage 1 zum Rahmenvertrag. Das solltest du für die Rezeptbelieferung wissen.

Rezeptfälschungen in der Apotheke kommen regelmäßig vor. Beim Personal kommt es nicht selten zu Unklarheiten, wie mit der Verordnung zu verfahren ist. Wir haben dir alles Wissenswerte zu dem Thema zusammengestellt.

Die AMIRA-Box ist limitiert

Werde Community-Mitglied und sichere dir die nächste kostenlose AMIRA-Box.